Gruppe ohne Raum - Rafting im Allgäu -

Freitag
Die Reise nach Schönstatt auf'm Berg beginnt, wir sind zu viert im Auto, das Wetter ist abwechslungsreich, die Stimmung ist gut. Fahrgemeinschaften der FK werden gerne als Kleingruppe genutzt. Aktuelle Themen und etwaige Hindernisse werden besprochen. In Schönstatt ist es kühl, aber trotzdem angenehm, wer früh kommt darf sich sein Zimmer aussuchen, ich habe mir gleich ein Zimmer mit Balkon gesichert…!

Nachdem alle da sind stellen wir fest, dass wir ein Zimmer zu wenig haben. Ich bekomme eine Mitbewohnerin. Anna, ist noch ganz frisch im FK und geht in Kempten in die Gruppe, Pyjamaparty ist somit gesichert…!

Am Abend gibt es wilde Spekulationen über die anstehende Tour. Es werden nur 10 Grad und Regen gemeldet, Angst macht sich breit. Fragen von „Was pack ich ein“ bis zu „Worauf haben wir uns hier eingelassen“ tauchen auf. Selbstgemachtes Drama wie man so schön sagt. 

Samstag
Am Morgen Nieselregen, es ist schweinekalt. Einige zweifeln (wahrscheinlich an ihrer eigenen Zurechnungsfähigkeit), die Blicke gehen immer wieder zum Fenster und in den stahlgrauen Himmel hinauf. Um 9 Uhr fahren wir mit dem Bus zum Bootsführer, es schüttet zwischendurch. Und beim Bootsführer endlich die Gewissheit es gibt für jeden einen Neopren-Anzug. Wir sind jetzt alle auf einer sehr menschlichen Ebene angekommen, in so einem Anzug bleibt einem eher wenig verborgen.

Wir fahren weiter mit dem Bus zur Iller. Die Boote werden aufgepumpt teilweise per Hand. Der ein oder andere wird immer kleiner, und versucht sich in seine Rettungsweste zurückzuziehen um der Kälte zu trotzen. „Wo sind denn die Sitzbänke…?“ Neue Erkenntnis: Beim Rafting sitzt man auf dem Rand des Schlauchboots und hat einen Fuß in einer Schlaufe im Boot. Leider laufen die Boote nicht von selbst ins Wasser. Also alle mit angepackt und das Boot ins Wasser getragen. Die Füße sind nass, aber sonst sitzen wir halbwegs trocken im Boot im Hintergrund ragen schneebedeckte Gipfel auf.

Die Iller ist sehr wasserreich an diesem Tag, was den Fluss auch sehr schnell macht . Ich lerne ein neues Wort, ins Hochdeutsche übersetzt ist es wohl „Gut ist`s“ im Allgäuer Dialekt klingt es nach „Guodisch“. Es bedeutet, dass wir aufhören können zu paddeln. Durch die Geschwindigkeit des Flusses sind wir schon nach einer halben Stunde an unserem Picknick-Platz. Gabi und ich fallen beim Aussteigen ins Wasser, gut dass es dort nur handbreit tief war und beide auf den Knien gelandet sind. Es wird gegrillt und alle freuen sich über die Wärme des Buchholzfeuers und das warme Essen.

Einige joggen ein bisschen, um die tauben Füße aufzuwecken oder aufzuwärmen. Und siehe da die Sonne kämpft sich immer mehr durch die dichte Wolkendecke. Nach dem Essen geht es schon viel besser. Erneut klettern wir in die Boote und die Tour geht weiter Richtung Paradies und "Klein-Acapulco". Der Bootsführer erzählt viel über die Gegend und den Fluss. Zum Beispiel, dass einige Sandbänke verschwinden und wieder auftauchen und dass im Fluss natürliche Brecher installiert wurden, damit das Ufer nicht völlig ausgespült wird. Wir kommen durch einen Teil des Flusses der „Paradies“ genannt wird. Es ist sehr still da und man hat das Gefühl völlig allein zu sein. Uns werden noch zwei Allgäuer Sagen erzählt. Wir legen ein letztes Mal vor dem Bus an, um in „Klein-Acapulco“ die Sonne zu genießen.

Am Endpunkt unserer Reise auf der Iller warten wir eine Weile auf den Bus und wärmen uns auf dem warmen Asphalt die Füße. Die Stimmung war durchweg sehr angenehm und die meisten Befürchtungen und Ängste waren, wie so oft im Leben, völlig unbegründet. Es war ein Abenteuer und wir sind es als Gruppe angegangen und haben es mit Bravour gemeistert. Es war ein schöner Tag, der mir noch lange ein Schmunzeln ins Gesicht zaubern wird, und ich glaube mit der Einschätzung bin ich nicht allein.

Sonntag Da das Ganze ein therapeutisches Seminar (sog. Erlebnispädagogik) darstellte, gab es am Sonntagvormittag noch eine entsprechende Nachbereitung. Hartmut hat uns am Freitag zwei Anregungen mitgegeben und zwar:

1) Bringe etwas von der Tour mit, was du mit dem Erlebnis verbindest.
2) Wann spürst du das du lebst? Meine zwei Steine (ich sammele häufig Steine, wenn ich in der Natur bin) liegen in meinem Zimmer auf meinem Regal und erfüllen genau den unter 1) angedachten Zweck.

Das Wochenende war ein grandioses Erlebnis, dass mich sehr beeindruckt hat und mir viel Freude bereitet hat. Natürlich schätze ich auch die Gespräche, die ich am Abend jeweils führen konnte, die meine Gedankenwelt wieder bereichert und ergänzt haben. Und der kleine Triumph den Roland zweimal bei Mensch "Ärger Dich Nicht" besiegt zu haben, bleibt mir natürlich auch.

Alles in allem hoffe ich, dass es zu einer baldigen Wiederholung des Workhops „Gruppe ohne Raum“ kommen wird, denn man lernt nicht nur sich selbst und die anderen besser bzw. anders kennen, sondern schafft sich gleichzeitig eine Erinnerung für die Ewigkeit.

Vivian Wick, Ansprechpartnerin für junge Menschen, September 2017 

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