Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe Landesverband Bayern e.V.

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Freundeskreis Biker-Wochenende 2012

Bericht: Claudia Biehahn - Diakonie magazin 4/2012

Nicht aus der Kurve fallen

Auch das ist Selbsthilfe: Suchtkranke, die auf ihren Harleys und Hondas 300 Kilometer durchs idyllische Bayern fahren. Und im Gasthof Cola trinken.
„Wollt ihr mal hören, wie ein Motorrad klingt?“, fragt Irving und wirft seine Harley, Typ „Heritage Soft Tale“ an. Das berühmte Blubbern erklingt. Der Amerikaner grinst in die Runde und wartet auf Reaktionen. Die kommen prompt: „Gib bloß nicht so an“, flaxt BMW-Fahrer Gerhard zurück. „Kratz lieber mal die Mücken von der Scheibe. Du siehst ja gar nichts!“
Samstagmorgen, 9:00 Uhr, auf dem Parkplatz der Evangelischen Landvolkshochschule im fränkischen Luftkurort Pappenheim. Rund 40 Motorradfahrer und -fahrerinnen machen sich bereit zum Aufbruch. Der Platz brummt vor knatternden Maschinen und Geschäftigkeit. Vorfreude liegt in der Luft: 290 km durchs Altmühltal und entlang der Schwarzen Laber stehen auf dem Programm. Viele enge Kurven warten, eine schöne Landschaft und eine kurze Fährfahrt über die Donau. Die Sonne scheint von einem blankgeputzten blauen Himmel. Ein herrlicher Tag zum Motorradfahren.

Der Parkplatz kurz vorm Platzen

Zum 11. Mal veranstaltet der bayerische Landesverband der Selbsthilfegruppe „Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe“ das Biker-Wochenende. Zielgruppe: die Motorrad-Freaks unter den Mitgliedern. Dabei sind auch ein paar Gäste. Organisiert wird die Tour dieses Mal von Geschäftsführer Carsten Linge und dem Vorsitzenden Erich Ernstberger. Beide waren schon bei der ersten Tour 2002 dabei. Zwölf Leute waren sie damals, heute stehen 62 Namen auf der Interessentenliste. „Stell dir mal vor, die wären alle gekommen!“, sagt Carsten Linge lachend. „Da wäre ja der Parkplatz geplatzt.“ In drei Gruppen wollen sie starten: Der gemütliche Jo wird auf seiner schweren BMW die bedächtigen Fahrer anführen, der Landesvorsitzende Erich Ernstberger die mittlere Gruppe und Carsten Linge sprintet auf seiner Honda mit der „sportlichen“ Gruppe los. Beim ersten Stopp auf Burg Prunn hoch über der Altmühl will man sich wieder treffen. Die Augen von Harley-Fahrer Irving Bronsden glänzen: „Darauf freue ich mich schon das ganze Jahr!“ Der ehemalige Angehörige der US-Army war mehrfach den Führerschein losgeworden, weil er von der Polizei mit zu viel Promille im Blut erwischt wurde. Beim letzten Mal musste er zum „Idiotentest“ und bekam die Auflage, sich eine Selbsthilfegruppe zu suchen. Bronsden wählte die Freundeskreise in Wendelstein und blieb der Gruppe treu, obwohl er seinen Führerschein längst wieder hat. „Die Freundeskreise sind wie eine Familie für mich“, sagt er. „Man kriegt soooo viel von den anderen!“ Was damit gemeint ist, erklärt Wolfgang Kleiner, der stellvertretende Bundesvorsitzende des Sucht-Selbsthilfeverbands am Vorabend der Tour in der einzigen Eisdiele von Pappenheim. Fast die ganze Motorrad-Gang ist mitgekommen und nimmt das kleine Café komplett in Beschlag. Die Bedienung kommt ins Rotieren. „Der Besuch einer Eisdiele gehört bei uns zum Pflichtprogramm“, lacht der 66-Jährige. „Wir haben schon Orte für Schulungen nur danach ausgesucht, wo es das beste Eis gibt.“

Das Miteinander ist so wichtig wie die Therapie

Seit fast zwanzig Jahren ist der ehemalige Krankenpfleger bei den Freundeskreisen. Die Selbsthilfegruppe, die sich wöchentlich trifft, gebe ihm Halt und Sicherheit. Auch seine Frau gehe regelmäßig zu den Treffen. „Sucht ist eine Familienkrankheit“, sagt Kleiner. Deshalb müssten alle Gelegenheit haben, über Probleme mit der Sucht zu sprechen. „In der Gruppe kann jeder erzählen, was ihm oder ihr gerade auf der Seele brennt. Ob das nun Schwierigkeiten mit dem Suchtmittel sind oder Ärger im Job.“ Die Gruppe gebe Anstöße, wie man das Problem anders angehen kann. „Lösen muss man es selbst.“ Und wenn das nicht immer möglich ist, zum Beispiel, weil jemand vergeblich eine neue Arbeitsstelle sucht und von Hartz IV leben muss, werde in den Gesprächen doch ganz viel Druck abgebaut und Verzweiflung abgefangen – und damit Rückfällen vorgebeugt. „Wenn sie passieren, helfen wir ihm oder ihr, wieder auf die Beine zu kommen“, sagt Kleiner. „Dieses Miteinander ist fast so wichtig wie die Therapie.“Das sehen auch die Kranken- und Rentenversicherungen so, weshalb sie die ehrenamtliche Arbeit der Sucht-Selbsthilfegruppen und ihrer Verbände aus verschiedenen Töpfen unterstützen. Für Suchtexperten wie Dr. Theo Wessel vom Gesamtverband für Suchtkrankenhilfe (GVS) ist die Selbsthilfe „ein unverzichtbarer Bestandteil des Hilfesystems“. Unter anderem deshalb, weil sie Menschen erreichen kann, die den Gang in eine Beratungsstelle oder Fachklinik scheuen. Statistiken zeigen, dass rund ein Viertel aller Gruppenteilnehmer keine professionelle Hilfe in Anspruch genommen hat.

In Planung: ein Segeltörn im Mittelmeer

Weil die Gemeinschaft so wichtig ist, treffen sich die Mitglieder der Freundeskreise – und die anderer Selbsthilfeverbände – nicht nur zu den in der Regel wöchentlich stattfindenden Gruppengesprächen. Viele verbringen auch einen mehr oder weniger großen Teil ihrer Freizeit zusammen. Das Angebot bei den Freundeskreisen reicht vom Grillen, gemeinsamen Wanderungen über Minigolfturniere bis zu solch eher außergewöhnlichen Veranstaltungen wie die Motorradtour in Bayern. „In der Planung ist auch schon ein Segeltörn im Mittelmeer“, erzählt Joachim Otto, bei allen nur als Jo bekannt. Er ist nicht nur begeisterter Motorradfahrer, sondern auch ausgebildeter Segler.

Auf der heutigen Motorradtour wird Jo öfter mal vom Navi in die Irre geführt. Deshalb kommt seine zuerst gestartete Gruppe als letzte beim vereinbarten Treffpunkt auf Burg Prunn an. Die 800 Jahre alte Ritterburg bietet einen fantastischen Blick über die das Tal. Aber für mehr als ein kurzes Foto reicht die Zeit nicht, dann geht’s schon weiter. Die ganze Tour hinkt wegen der Navi-Probleme zwei Stunden hinter dem Zeitplan her. Doch Sightseeing ist sowieso nicht das Ziel, sondern die nächste Kurve. Und davon gibt es noch viele auf der Strecke.

Die Wirtin weiß Bescheid: kein Alkohol

Um 14 Uhr ist der Landgasthof Neumayer in Altmannstein erreicht. Zeit fürs Mittagessen und zum Klönen. Die Wirtin ist vorbereitet: Es darf kein Alkohol im Essen sein. „Wir gehen offen mit unseren Suchtproblem um“, sagt Carsten Linge. „Das ist eine Voraussetzung, die Krankheit zu bewältigen.“ Jeder der Motorradfahrer und -fahrerinnen steht deshalb mit Namen und Gesicht zur eigenen Geschichte – bis auf eine. Sie, mit 35 Jahren die Jüngste der Truppe, will nicht, dass ihr Arbeitgeber von ihrem Alkoholproblem erfährt. Sie ist Krankenschwester. „Ich habe eine Therapie gemacht und bin seit zwei Jahren abstinent“, sagt sie. „Aber ich fürchte, man hätte trotzdem kein Vertrauen mehr zu mir.“

Beim letzten Rausch hatte die junge Frau ihre Wohnung verwüstet und, als sie nüchtern von der Polizei zurückkam, beschlossen, dass es so nicht mehr weitergeht. Seither besucht sie eine Selbsthilfegruppe, vor allem, um sich selbst daran zu erinnern, „dass es da ein Problem gibt, auf das ich immer aufpassen muss“. Aber auch, um ihr Wissen und ihre Erfahrung an diejenigen weiterzugeben, die neu in die Gruppe kommen und Hilfe suchen.
Auch für Carsten Linge und viele andere Motorradfahrer ist dies das Hauptmotiv, sich ehrenamtlich bei den Freundeskreisen zu engagieren, als Gruppenbegleiter oder in anderen Funktionen: „Wir wollen etwas von dem zurückgeben, das wir selbst bekommen haben.“ Die strahlenden Gesichter beim Abschlussfoto zeigen: Für heute ist ihnen das gelungen.

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